Schutzengel

Schutzengel

Ich stehe an den Betten und schaue meine schlafenden Kinder an. Lange und voller Dankbarkeit, dass sie gesund und wohlauf sind. Das tue ich sonst auch, aber heute und gestern ganz besonders. Ich weiß nicht, wie viele Dankgebete ich seit gestern nach oben geschickt habe. Wohin auch immer – in den Himmel oder an das Schicksal, an unsere Schutzengel auf jeden Fall. Denn davon müssen wir gestern ganz viele gehabt haben. Wir hatten einen Autounfall auf dem Weg in die Ferien – und wenn ich mir die Fotos unseres Autos anschaue, wird mir immer noch schlecht.
Fast die Hälfte unserer 900Km Strecke hatten wir bereits geschafft, als der Unfall passierte. In einer Senke auf der Autobahn hatte sich Wasser gesammelt – kurz zuvor muss an der Stelle ein heftiger Regenschauer niegergegangen sein. Unser Auto verlor die Haftung – Aquaplaning – und mein Mann hatte keine Chance, das Auto wieder unter Kontrolle zu bekommen. Wir schleuderten, rutschten und schossen dann auf die äußere Leitplanke zu. Dieses Bild hat sich in mein Gehirn eingebrannt. Wie wir in hohem Tempo auf die Leitplanke zu rutschen und ich weiß, gleich wird es knallen und wir können NICHTS dagegen tun. Ich weiß noch, dass ich unglaubliche Angst hatte vor einem schlimmen Schmerz, vor Verletzungen und um meine Familie. Ich glaube, ich habe irgendetwas geschrien, vielleicht war ich auch stumm vor Schreck. Ich weiß es nicht mehr sicher.
Wir knallten gegen die Leitplanke, der Rückstoß katapultierte uns in einer 180 Grad Drehung auf die Fahrbahn zurück. Dann Stille. Mein Mann und ich drehten uns zu den Kindern um, die uns nur anschauten. Verdutzt, gar nicht zu sehr erschrocken zum Glück. Wir fragten sofort, wie es ihnen ginge, ob ihnen etwas wehtat und die beiden Großen antwortete, nein, alles sei in Ordnung. Irgendwann fing das Lausdirndl doch kurz zum Weinen an, aber eher vor Schreck über unsere Reaktionen und weil ihr da erst bewusst wurde, was passiert war. Aber zu keinem Zeitpunkt waren die Kinder verletzt, hatten Schmerzen, waren benommen, weinerlich oder irgend etwas anderes.
Das größte Glück ist, dass kein nachfolgendes Auto oder gar LKW in uns reinfuhr, denn das hätte schlimm enden können. Das wurde uns erst nach und nach klar. So ein Schock macht es kurz unmöglich zu denken. Hinter uns war eine Familie – ebenfalls auf dem Weg in die Ferien – die ersten an der Unfallstelle. Der Mann – selber Polizist – kümmerte sich sofort professionell um alles. Checkte die Lage, sicherte die Unfallstelle und rief die Polizei an. Seine Frau nahm uns mit zu ihrem Auto, kümmerte sich und versorgte uns mit Bonbons (Zucker gegen den Schock vermute ich?) und Trinken. Eine andere Autofahrerin, die im Krankenhaus arbeitete, hielt ebenfalls, schaute ob es Verletzte gab und versorgte uns mit 2 weiteren Warnwesten.
Kurz gefasst (in echt dauerte das alles 6 lange Stunden): Zwei unglaublich nette Polizisten kamen, auch ein Rettungswagen, der nach einem kurzen Check wieder fuhr. Der Abschleppwagen kam nach einer ganzen Weile und nahm unser Auto, meinen Mann und die Traumtänzerin mit, die beiden jüngeren Kinder und ich wurden im Polizeiauto hinterher gefahren. Nach einigem Hin und Her fanden wir noch einen Mietwagen – 25 Km weg, den mein Mann mit dem Taxi abholte. Derweil warteten die Kinder und ich am nah gelegenen Rastplatz – der nette Abschleppwagenfahrer brachte uns dorthin. Dann räumten wir unsere Habseligkeiten – alle – aus unserem Auto in den Mietwagen. Denn das Auto werden wir nicht mehr wiedersehen. Und schließlich konnten wir weiterfahren in unser Ferienhaus.
Wir haben uns vorgenommen, den Urlaub gerade extra zu genießen, weil wir so viel Glück hatten und mit heiler Haut davongekommen sind. Aber noch fällt mir das schwer. Denn immer wieder kommen die Gedanken, was hätte passieren können und es läuft der immer gleiche Film vor meinem inneren Auge ab. Wie wir auf die Leitplanke zuschießen und ich das hilflos geschehen lassen muss. Ich bin erschöpft – körperlich und seelisch. Aber meistens wenn ich schlafen will, kommen die Bilder und ich bin wieder wach – mit klopfendem Herzen und einem Kloß im Hals. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis ich das verarbeitet habe.
Den Kindern geht es damit zum Glück gut. Sie realisieren ja nicht so wie wir, was alles hätte passieren können! Außerdem bekamen sie den Unfall erst beim Aufprall mit – denn zu dem Zeitpunkt durften sie gerade eine DVD schauen und waren total vertieft darin. Dass wie durch ein Wunder niemand verletzt wurde trägt natürlich auch zu ihrer Sorglosigkeit bei. Und dass sie mit Polizei- bzw. Abschleppwagen mitfahren durften ist aus Kindersicht schon wieder cool. Sie fragten gleich, ob sie das nach den Ferien in der Schule erzählen dürfen.
Ich bin unheimlich dankbar, dass sich so viele nette Menschen so toll um uns gekümmert haben! Ich habe mich bei allen mehrfach bedankt, aber ich wünschte, ich hätte mir die Namen geben lassen um ihnen nochmal eine Karte schreiben zu können. Aber an so etwas denkt man leider in der Situation nicht.
Wenn wir aus den Ferien zurückkommen, müssen wir uns um ein Auto kümmern – denn wir haben nun keins mehr, in das wir alle 5 hineinpassen. Und noch länger Mietwagen fahren ist nicht drin. All das – der Unfall und alles was daran hängt – kostet uns viel Geld, das wir auch nicht so leicht aus dem Ärmel schütteln können. Aber irgendwie wird es schon gehen und ich sage mir immer „es ist nur Geld“ – unsere Gesundheit kann man mit keinem Geld der Welt kaufen, das andere findet sich irgendwie.
All das geht mir durch den Kopf, wie ich sie so schlafend in ihren Betten sehe. Ich bin froh um ihre kindliche Sorglosigkeit und beneide sie ein wenig darum. Und ich schreibe all das nun auf, in der Hoffnung, dass mir das ein wenig hilft.

urlaubsfahrt

dieses Bild postete ich 2 Stunden vor dem Unfall auf Instagram – das letzte Bild aus unserem Auto

auto

Was davon übrig ist…

 

20 Kommentare

  1. Was für ein Riesenglück, dass es euch gut geht! Ich wünsche euch, dass ihr euren Urlaub dennoch geniessen könnt und nicht zu viel an den Unfall denken müsst.
    Alles Liebe, Olaf <3

  2. Au wacka….
    So ein Riesen Glück, dass ihr alle wohlauf seid
    Und Danke allen Helfern!!!
    Manchmal steckt man einfach nicht drin und wird vom Leben geschüttelt
    Gut, dass es SO geendet ist und niemand verletzt wurde..

  3. Oh Schreck, da ist ja wirklich nicht mehr viel übrig So ein Glück, dass euch nichts passiert ist!! Alles liebe und macht es genau wie du geschrieben hast: genießt den Urlaub jetzt erst recht und feiert eure Gesundheit!!

  4. auch von mir ein herzliches Dankeschön an eure Schutz Engel*lächel trotzdem noch einen guten Urlaub erholt euch gut

  5. Liebe Cynthia, das ist wirklich schrecklich. Ich musste fast weinen, als ich es gelesen habe. Wir sind auch gerade im Urlaub und waren 8 Stunden auf der Autobahn unterwegs. Ich bin jedes mal froh und dankbar, wenn wir heil angekommen sind. Alles Gute für euch. Und macht es euch so schön wie es nur geht.

  6. Oh mann, oh mann, zum Glück gehts euch gut. Genießt nun erstmal die Zeit. Wo seid ihr denn?
    Schöne Grüße aus dem Norden
    Birte (buller_buelten)

  7. Oh Gott was hattet ihr einen riesen Schutzengel da stehen.
    Ich muss weinen
    Ich kann es mir bildlich vorstellen.
    Alles Liebe

  8. Was für eine krasse Story!! Ich bin nach der Geschichte und den Fotos sehr froh, dass euch nichts passiert ist!
    Alter Falter!
    Ich hoffe, ihr findet Ruhe und genießt den Urlaub!

    Liebe Grüße

  9. Ach Du heilige Sch……..
    Ich muss gerade echt schlucken. Ich kann mir vorstellen, dass es Dir immer noch nach geht, spontan fallen mir da die Rescue Med Tropfen ein und Aconitum gegen den Schock und wenn Du nicht schlafen kannst. Ich hoffe ihr könnt Euren Urlaub genießen. Alles was man mit Geld bezahlen kann ist nicht so wichtig, hat meine Mutter schon immer zu mir gesagt. Liebe Grüße Katinka

  10. Ich wünsche euch alles alles liebe von ❤️ Ich bin so froh, dass euch nichts passiert ist.
    Genießt noch euren Urlaub
    Fühlt euch gedrückt

  11. Oh Gott.Ich freue mich das es Euch gut geht.Mir würde es ganz genauso gehen.Ich habe mich selbst einmal in große Gefahr begeben und hatte auch einen richtigen Schock.Ich hatte noch wochenlang schlimme Erinnerungen daran, was hätte passieren können.
    Ich hoffe ihr könnt trotzdem die Tage an der See ein bisschen genießen.Versuche nach vorn zu schauen und nicht zurück.Viele Grüße

  12. Liebe Cynthia,

    ich hattet so unfassbares Glück gehabt und einen sehr guten Schutzengel dabei.
    Immer wenn ich solche Geschichten lese – gerade wenn es um Verkehrsunfälle geht – wird mir ganz mulmig zu Mute, den mir wird bewusst, wie schnell sich das ganz normale Leben ändern kann. Von einer Minute zur anderen.

    Zum Glück geht es euch gut und ihr verarbeitet den Schreck recht bald.

    Liebe Grüße
    Mother Birth

    • Mamamania

      Ja, genau so ist es. Von einem Moment zum anderen kann alles vorbei sein. Und man steckt oft nicht drin! Ich versuche, diese Erkenntnis in Dankbarkeit für jeden einzelnen Tag umzuwandeln. Keinesfalls in Angst.

      • Ic finde es toll von dir, dass du in allem hier noch das Positive sehen möchtest. Das gefällt mir, da ich ähnlich denke <3 Genieße jeden Tag mit deiner Familie in vollen Zügen. Ich wünsche es dir von Herzen.

        <3
        Mother Birth

  13. Pingback: Angst - MamamaniablogMamamaniablog

  14. Ach du heiliger BimBam! Lese jetzt erst, was euch da passiert ist. Allein die Vorstellung lässt mir Tränen in die Augen treiben. Und dein Text macht es dann auch. Schrecklich. Eine meiner größten Ängste werden da geweckt, da eine ehemalige Schulfreundin damals mit 10 Jahren als einzige solch einen Unfall überlebt hatte. Ihre Eltern und beiden Geschwister sind dabei leider gestorben und sie kann sich sehr gut an den Unfall erinnern Da habt ihr wirklich ganz großes Glück gehabt. Drücke alle Daumen, dass ihr das gut verarbeitet und euch die Schutzengel weiter begleiten und so tolle Arbeit leisten.

  15. Pingback: Meerverliebt ~ unser Familienurlaub an der Ostsee - MamamaniablogMamamaniablog

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